Programm: Was läuft im Fernsehen?

Fernsehzeitschriften
© Jens Kalaene (dpa)

Streaming-Boom

Berlin (dpa) - Die TV-Programmzeitschrift als «Accessoire» auf dem Wohnzimmertisch. Mit dem Kugelschreiber oder Leuchtstift wird eingekreist. In der Tageszeitung am Frühstückstisch wird das TV-Programm für den Abend durchflöht.

So lief das früher vermutlich in Millionen von Haushalten ab. Und heute? In Zeiten von Streaming, Mediatheken und TV-Konsum, wann, wie und wo man will?

Die «New York Times» machte unlängst kurzen Prozess: Sie warf nach acht Jahrzehnten ihr TV-Programm aus dem gedruckten Blatt. Begründung der US-Zeitung: Die Bedeutung von Streaming - also dem Abrufen von Sendungen, Serien und Filmen auf Plattformen abseits des laufenden Programms nach festen Sendezeiten - habe zugenommen. Verlage in Deutschland folgen dem Beispiel aus den USA so nicht, wie eine Umfrage der Deutschen Presse-Agentur ergab.

Von der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ) heißt es, derzeit seien keinerlei Veränderungen geplant. Ebenso ist es bei der «Süddeutschen Zeitung» (SZ). Man überlege zugleich, die tägliche Programmseite auch den Nutzern der digitalen SZ zugänglich zu machen.

Ähnliches Bild bei regionalen Tageszeitungen: Die «Stuttgarter Nachrichten» und «Stuttgarter Zeitung» können sich nicht vorstellen, auf das TV-Programm zu verzichten. Bei der «Thüringer Allgemeinen» sagt der Chefredakteur Jan Hollitzer: «Ich gehe stark davon aus, dass wir den Service weiterhin anbieten werden. Da im Streaming viel on demand abgerufen wird, braucht es eine andere Präsentation der Inhalte als nach Tagen und Uhrzeiten.»

Es gibt im Markt auch neue Formate: Das RedaktionsNetzwerk Deutschland der Madsack Mediengruppe, das für Regionalzeitungen überregionale Inhalte produziert, gibt seit diesem Monat einen Newsletter («Das Stream-Team») heraus, der sich ausschließlich Streaming widmet. Neben neuen Formaten binden Verlage seit Jahren Streaming-Tipps in ihre bestehenden Angebote ein.

Fernsehen ist in Deutschland bis heute Massenmedium. In gut 95 Prozent der Haushalte stand 2019 mindestens ein Fernsehgerät, wie aus dem Digitalisierungsbericht Video der Medienanstalten hervorgeht. Trotz des Streaming-Booms gehört das fortlaufende Programm mit Sendeschema zur DNA von TV-Sendern. Dort werden bei den Privaten auch noch große Werbeumsätze erzielt. Dass lineares Fernsehen fest verankert ist, sieht man zum Beispiel daran: Zur «Tagesschau» der ARD um 20.00 Uhr schalten täglich rund zehn Millionen Zuschauer ein.

Eine lange Tradition haben auch die TV-Programmzeitschriften. Man kann sie am Kiosk und im Supermarkt kaufen oder abonnieren. Zeitungen bieten zudem Programmzeitschriften als Beilage an. Im Netz sind ebenfalls Angebote entstanden.

Der Hauptgeschäftsführer des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger, Stephan Scherzer, sagt: «Programmzeitschriften punkten im Lesermarkt, sie erreichen 51 Prozent aller Deutschen über 14 Jahren. Im Jahr 2019 wurden gut 371 Millionen Exemplare allein in diesem Segment gekauft.» In der Corona-Krise werden Programmtitel demnach auch stark nachgefragt. 2010 waren es noch 586 Millionen Exemplare pro Jahr gewesen - seit Jahrzehnten gehen insgesamt die Auflagen bei Zeitungen und Zeitschriften zurück.

Programmzeitschriften verzeichnen heute die höchste Auflagenzahl im deutschen Zeitschriftenmarkt. Der Vertriebsumsatz wird nach Verbandsangaben auf rund 580 Millionen Euro geschätzt, hinzu kommen Millionenbeträge an Bruttowerbeumsätzen. Der Gesamtverband Pressegroßhandel spricht von etwa 50 TV-Titeln für den Einzelverkauf.

Medienhäuser wie Bauer, Burda und die Funke Mediengruppe setzen auf TV-Titel und binden zugleich den Streaming-Trend ein. Der Verlagsgeschäftsführer Bauer Programm KG der Bauer Media Group, Marc de Laporte, sagt: «Die Integration von Streaming-Angeboten ist sehr ausdifferenziert. Sie richtet sich danach, wie die Bedürfnisse der Leser sind und wie die Leserschafts-Struktur ist.» Das Thema Streaming sei in nahezu allen Altersgruppen angekommen, aber mit unterschiedlicher Nutzungsintensität.

Er betont auch, dass der Aufbau einer TV-Zeitschrift etwas mit Gewohnheiten zu tun habe. «Die Art und Weise, wie wir unsere Programminformationen aufbereiten, ist von unserer Leserschaft gelernt und wird auch so erwartet – und ist damit auch nicht verhandelbar.»

Der Verlagsmanager blickt so in die Zukunft: «Es wird sicherlich Potenzial für nischigere und spitzere Zeitschriftentitel geben. Die erfolgreiche Transformation unseres Geschäftsmodells wird sich jedoch an Produkten jenseits von Zeitschriften und Websites fest machen müssen.» Es gehe in die Richtung Fragmentierung der Bedürfnisse, individualisierbare Produkte.

Die Funke Mediengruppe gibt seit Mittwoch das TV-Magazin «Streaming» heraus. Auch dieses Medienhaus bewegt sich im Spagat zwischen Bewährtem und Neuem. Der Chefredakteur Funke Programmzeitschriften, Christian Hellmann, sagt über das Feedback von Lesern: Es zeige, dass das lineare Fernsehen noch lange nicht tot sei. «Ein großer Teil der Konsumenten schätzt die vorgegebene Zeitstruktur der Sender und nutzt Streaming-Inhalte entweder gar nicht oder nur ergänzend.»

Ein ähnliches Bild ergibt sich bei Hubert Burda Media. Der Chefredakteur TV Spielfilm, TV Today, Cinema und SerienMagazin, Philipp Schulze, sagt: «Wir haben mit "TV Spielfilm" den Anspruch der ultimative Guide zu sein, sowohl für lineares TV als auch im Bereich Video-on-Demand.» Seit Jahren gebe es Streaming-Infos. Das Medienhaus startete im Frühjahr zudem ein Vergleichsportal für Streaming im Internet - «Streampicker». Schulze sagt aber auch: «An der Darstellung des linearen Fernsehens halten wir in dieser Form aber grundsätzlich fest, da es von unseren Lesern und Usern nach wie vor erwartet und geschätzt wird.»

Von der rtv Media Group, die zum Bertelsmann-Konzern gehört, ist zu hören: «Die Dynamik des Marktes ist groß.» Das Unternehmen hat etwa das Magazin rtv im Portfolio, das Zeitungen beiliegt. Das Unternehmen bindet längst Streaming mit ein. Das Interesse der Menschen an Unterhaltung, Information und Show im Bewegtbild sei insgesamt steigend, nicht sinkend. «Der Orientierungsbedarf auch.»

© dpa-infocom, dpa:201014-99-942029/2

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